„Wir passen in keine Szene!“

„Wir passen in keine Szene!“

Warum die Berliner Streetart-Künstler Jakob, Holger und Veit alias „Innerfields“ mit ihrer Identität kämpfen mussten und sich deshalb nie richtig einer Szene angehörig fühlten, erzählt Mitgründer Jakob Tory Bardou in einem persönlichen Gespräch.

Fotograf: Ruben Caeiro – Jakob, Holger und Veit alias „Innerfields“

Die digitale Welt als Quelle der Inspiration

Ein Handy, das mit Handschellen verbunden an zwei Handgelenke gekettet ist, das Baby das als Motiv für die Handykameras herhalten muss, die heilige Maria Magdalena, die auf ihr Mobiltelefon schaut – das Künstlertrio „Innerfields“ greift in seinen Arbeiten gesellschaftliche Themen auf. Dabei spielt die moderne digitale Welt eine wichtige Rolle. Innerfields setzen Zeichen und regen zu Diskussionen an. Dennoch ist es den Partnern schwer gefallen, sich zu etablieren.

Zu abstrakt für die Graffiti-Szene

Seit zwanzig Jahren stehen Innerfields an der Wand. Die Jungs begannen, wie viele Künstler aus der Szene, zunächst freie Flächen zu besprühen. „Zu viel Character, zu abstrakt und zu wenig Style“, bekamen die Freunde aus der Graffiti-Szene zu hören und stachen irgendwie heraus. Dreizehn Freunde sprühten vor zwanzig Jahren unter dem Pseudonym „IWS – Ich will schmieren“ bis dann später Holger, Veit und Jakob „Innerfields“ geboren haben. Die Leidenschaft wurde zum Beruf und es dauerte nicht lange bis die ersten bezahlten Aufträge kamen. So haben Innerfields eine Auftragsarbeit für einen Automobilhersteller angenommen. Die kritischen Stimmen unter den Künstlerkollegen waren laut und plötzlich blieb den Partnern die Chance verwehrt, in der Streetart-Szene einen stabilen Fuß zu fassen. Sie wurden kaum eingeladen zu Graffiti- oder Streetart-Festivals, in Museen oder zu Kunstaustellungen.

Zu unsichtbar für die Streetart-Szene

Während der letzten zwanzig Jahre bemühte sich Innerfields zunächst also um die sicheren Einnahmen ihres Unternehmens, um nun den daraus angeschlagenen Ruf in der Szene zu korrigieren. Denn Innerfields haben Messages und wegen derer möchte das Trio auch anerkannt werden.

Die politische und gesellschaftliche Motivation

Holger, Jakob und Veit malen Emotionen, die ihren Ursprung in einem gesellschaftlichen oder politischen Thema finden. Hier die Sensibilität zu erreichen, die der Mensch braucht, lernte Innerfields auch während der Prozesse. So erzählt Jakob, dass sie ein Motivvorschlag für eine Häuserwand in Kiew 24 Stunden vor Anreise ändern mussten. Die Idee, Waffen in schönem Geschenkpapier verpackt zu malen, sollte auf die Waffenexporte von Deutschland in die Ukraine aufmerksam machen. Das Motiv wurde vom Kiewer Bürgermeister Vitalo Klitscko nicht abgenommen. Auch das neue Motiv musste vor dem Bürgermeister erklärt werden. Erfahrungen solcher Art, schweißte die Gruppe allerdings zusammen und gemeinsam lernten sie, die Themen sensibel und empathisch zu behandeln.

„Digitalisierung“ und „Freiheit“ inspirieren die Jungs immer wieder zu ihren Motiven. Gerade der kürzlich angeordnete Lockdown der Covid-19-Pandemie bleibt der Gruppe in den Köpfen. Ihr derzeitiges Projekt wird diese Thematik aufgreifen und wir werden sie an einer Häuserwand in Georgien bestaunen können.

Der Kontrast zwischen dem Maschinellen und der Natur, die Warnung wie Computer und Telefone das Leben des Menschen bestimmen, wie die permanente Erreichbarkeit den Alltag beherrscht. Das sind die Themen mit denen sich Innerfields auseinandersetzt und die sie als Spiegel des Menschen realistisch an die Wand bringen.

„Wir führen eine Ehe!“

Zum Schluss gibt Jakob mir noch einen romantischen Einblick in das „Eheleben“ der Jungs, denn als solches bezeichnet er das Verhältnis der Freunde. „Wir kennen uns länger als unsere Frauen und Kinder und haben fünf Jahre zusammen unter einem Dach gelebt“, erklärt Jakob. Es hat Konflikte gegeben, Auseinandersetzungen, Dramen und Spaß – wie in einer Ehe eben. Die Empathie, die Jakob heute in sich trägt, hat er größtenteils von Holger und Veit in dieser Beziehung gelernt. 

Innerfields haben mittlerweile ihre Stempel in Ländern wie Israel, Norwegen, Georgien, Ukraine, USA, Ruanda, Dubai und Deutschland hinterlassen. Jetzt heißt es für die Berliner auch Berlin ganz und gar für sich zu gewinnen.

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Sabine Hanse
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Malerei, Musik, Literatur – für mich fließt alles zusammen und geht ineinander über. Bin ich unterwegs, dann lese ich ein Buch. Bin ich daheim, dann mache ich Musik. Und mein Geschäft – das ist heartelier! Und das ist mein Shop: Hearteliershop.com

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